
Maggie Raabe, Bernhard Röhrig
Kleine Aufmunterung
Ach, sagen sie mal, Sie sind nicht zufällig ne Ossi? Ja, doch. Ja! Isch mein, der Verdacht lach ja auch nahe, wo Sie doch den Öffnungsring von der Colabüchse um den Finger gewickelt tragen.
Wissense, dat is spannend: Ich wollte nämlich schon immer mal son richtige echte Menschen aus dem Osten kennenlernen. So hautnah. --- Nix für unjoot. Ich mein dat rein platonisch. Von Platon habt ihr da in die 40 Jahre auch man nix gehört, wa!?
Wie? Nein, der Lockvogel von Paola bin ich nicht. - Die hat immer son urisch blödes Grinsen drauf, finden Sie nicht? Fast so wie sie - saß ich auch schon mal hier. Dat war, als ich auf ... Auf wen warten Sie eigentlich? Auf niemand? - Da könn'se lange warten. Woher Ihr Ostdeutschen bloß immer die viele Zeit nehmt! - Ach, arbeitslos sind sie auch schon. Na kucke! Die Einheit hat doch für jeden wat mitgebracht. Stimmts?!
Na, nu kommse, lassese ma dat Köppsche nicht so melancholisch hängen. Passense auf, isch jeb ihn ein Rat: Klemmense Ihre drei Kinder untern Arm - oder habense nur viere? - (Hahaha) - und dann im Laufschritt übern Arbeitsmarkt. Immer munter, immer flott. Wat se da allet erleben könn, dat ahnen sie ja noch jarnisch!
Also da gehn se als erstes mal nach Solarium hin, ja! Solarium, also dat erhöht die Chancen ungeheuer. Aber! Nisch über 15 Minuten. Sach isch Ihnen gleisch. Allet, wat über 15 Minuten is, dat zählt dann schon wieder als Neger, ja, und die Chancen können se sich selber ausrechnen.
Ja, dann tun'se noch wat für die Augen, für die Lippen, fürn Duft - dat stärkt die Industrie und Ihr höchstpersönliches Selbstvertrauen, da kommse gleich besser an. Also, son Allerseelenjesischt, wie se jetzt zur Schau tragen, dat haut ja den stärksten Unternehmer von der Palme bzw. bringt ihn auf dieselbe. Wissense, die Unternehmer, die sind bei uns nämlich alle jung, dynamisch und ... reich. Und anspruchsvoll sindse auch. Da kommen sie nisch weit mit Ihren alten Sprüchen. Für Sie heißt dat jetzt erst mal Vokabeln lernen. Wie bewerbe ich mich richtig heißt eine Broschüre, die ich Ihnen wärmstens ans Herz legen möchte. D-Mark neunundzwanzigachtzig - könnse von der Steuer absetzen. - Ach so, Sie zahln ja keine Steuer. Na gut.
Dann legen se mal schnellstens Ihre stalinistische Handschrift ab und lassen sich von nem Experten einn neuen Lebenslauf entwerfen. Tabellarisch. - Na, so schwer kann dat doch nicht sein. Sie stehen doch da auch nicht allein da. - Gibt dat eijentlisch schon so wat wie einen Verband der Vergangenheitsvergewältigten?
Ja, und dann müßte man vielleicht noch ne Kleinigkeit für die Bildung tun. Dat wat se da so 40 Jahre in Ihren Köppen mit sich rumschleppen taten, dat is doch nix weiter als - Entschuldigung - roter Rotz. Vom ostdeutschen Facharbeiter für Abfallbeseitigungstechnik zum Frankfurter Vermögensberater braucht es knapp ne Woche. In Abendkursen. Zum Vorzugspreis. - Soviel werdense doch wohl übrig haben.
Sie sin aber auch durch nix hochzuholen, wie! Wie soll uns Deutschen denn die Einheit Spass machen, wenn Ihr ausm Osten immer so ein Gesicht zieht. Bloß weil ... weil die manchmal nicht wissen, warum wir lachen.
Aber wo ich mir Sie so angucke, da kommt mir eine Idee. Ich eröffne demnächst eine Ausstellung: Das deutsche Gesicht - Freiheit und Steinzeit. Und Sie wären da ein top Modell. Also: einsteigen! Und die Türen schließen. Sonst ist der Bahnsteig abgefahren. - Hahahahahahaha.
aus: zweifelhaft einig, 1991
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