Vogtland Anzeiger (Plauen) 11.07.1994

Kabarett für Zeitgeistkranke

PLAUEN. - Samstagabend hatte die Städtische Galerie »e.o. plauen« zu einem »Kabarettungsdienst für Zeitgeistkranke« eingeladen. Diese Einladung verhallte keineswegs ungehört. Trotz Fußballweltmeisterschaft und Sommerfest des Vogtland Theaters sowie anderer lokaler Grillpartys machten sich Interessenten auf den Weg zum Ein-Mann-Kabarett von Dr. Bernhard Röhrig aus Erfurt.
Sicher wurde ihm das vorlaute Wesen - wichtig für den Kabarettisten - bereits in die Wiege gelegt. Doch seine »Berufung« erkannte er erst später. Nunmehr arbeitet er seit 13 Jahren als Texter, Dramaturg und Regieassistent in diesem Milieu. Zum waschechten Kabarettisten wurde er 1988.
Seine Vorliebe gehört nicht erst den knallharten Pointen, die wie die Faust auf's Auge passen, und auch nicht dem Klamauk. Er bevorzugt vielmehr leise Töne. Sein Publikum wird durch ihn gezwungen, aufmerksam zuzuhören, um den Hintersinn seiner Wortspiele zu deuten.
In dem mit »Wahnsinn« betitelten Vortrag war der Weisheit letzter Schluß: Es ist nicht wahr, daß Politiker keine guten Ideen haben. Sie haben überhaupt keine. Sonst würde sich doch etwas ändern. Als Thüringer, was Wunder, nahm er natürlich auch das Tümeltum neustaatlicher Regionalpatrioten auf's Korn (vor kurzem waren wir noch DDR, dann wurden wir Deutsche, jetzt sind wir Thüringer!). Auch das Stasi-Thema, der Paragraph 218 (in Verbindung mit dem Papst) und das Fernsehen fanden die ihnen gebührende Beachtung (es wäre schön, im Fernsehen einmal in der Woche einen »kriegsfreien« Abend zu haben).
Bei all seinen Vorträgen überraschte Bernhard Röhrig das Publikum durch große Wandlungsfähigkeit und gekonnte Parodien (Rudi's Rat-Los-Show). Es gab Szenenapplaus und anhaltenden Schlußbeifall. Das erbrachte noch die Zugabe »Vom obersten Beleuchter der Bonner Marionettenbühne...«. S.M.

Überraschte sein Publikum nicht nur mit Parodien: Bernhard Röhrig.

Foto: Igor Pastierovic


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