Mitteldeutsche Zeitung  26. April 2004

Bernhard Röhrig, Kabarettist, Songwriter und Autor von Computerbüchern, steht seit 1981 auf den Kabarettbühnen. Als Solist tourt er mit seiner Ein-Mann-Show seit zwölf Jahren durch Deutschland.

Foto: Rainer Wißenbach

Kabarett

Mit Hut und Stock auf einer gelungenen Gratwanderung

Gäste der Unstruthalle begleiteten Bernhard Röhrig entlang der Abgründe

Von unserer Redakteurin
GUDRUN SCHRÖDER

Nebra. Plötzlich stand er mitten im Saal. Mit grünem Wanderhut und Spazierstock. Wer jetzt von Bernhard Röhrig, dem Kabarettist aus Erfurt, Volkstümliches erwartete, was auf der falschen Fährte. Röhrig nahm das Publikum am Freitagabend in der Unstruthalle in Nebra mit auf Gratwanderung. Aber Vorsicht war geboten. Links und rechts lauerten Abgründe. Deshalb war die Wanderung für die 110 Teilnehmer der Veranstaltung nicht ungefährlich. Doch Optimist Röhrig machte Mut, nicht umzudrehen, denn am Abgrund ist wenigstens die Aussicht am schönsten.

Und so blickten die Besucher während der Ein-Mann-Show zwei Stunden lang abgrundtief. Sie genossen die spitzen Pointen und scharfsinnigen Wortspielereien des Thüringers, der den Standort

Deutschland, der von Abgründen umstellt ist, aufmerksam und rücksichtslos beleuchtete. In Text, Gesang, mit Musik aus der Konserve und auf der Gitarre nahm er die Schwächen großer und kleiner Zeitgenossen aufs Korn und die Aussicht, die in deutschen Landen und im Portmonee alles andere als rosig ist.

Im Laufe des Programms schlüpfte Röhrig in immer neue Rollen. So konnten die Anwesenden eine TV-Sondersendung zur Thüringer Unabhängigkeitserklärung live miterleben. Die eigene Republik musste im Freizeitpark gebührend gefeiert werden. Vereine und Betriebe demonstrierten Freude und Zustimmung, sangen zur Haydn-Melodie den neuen Hymnentext "Mit der Bratwurst in der Hand stärken wir den Mittelstand" und boten im Vorbeimarsch Groteskes und Folkloristisches.. So mit der Losung der "Erfurter Kondomspatzen" aus der

Gummifabrik "Wir pfeifen auf Rom mit unserem Produkt". Bitterböse angesichts des Atomwahns das Telefonat mit dem Strahlenschutzamt, ob und wie denn der 93-jährige Opa zu entsorgen bzw. zu endlagern wäre. Aber christlich müsse es schon sein. Dabei ließ das Zusammenspiel von goldigem und schwarzem Humor das Lachen manchmal im Halse stecken. Ebenso der Vortrag als fromme Ordensschwester Notburga, die den Ostfrauen beibrachte, wie sie ihren Leib in den Dienst von Volk und Vaterland stellen können. Köstlich und frivol die Parodie einer "Rat-Los-Show", in der West-Showmaster und West-Anrufer einer arbeitslosen und allein erziehenden Nebraer Mutter kluge Ratschläge geben.

Wie im Flug verging das zweistündige Programm. Mit viel Humor, so Röhrig, ist selbst das Leben zu ertragen, und die Abgründe sorgen dafür, dass die Weitsicht zunimmt.


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