Thüringische Landeszeitung (Bad Langensalza) 01.12.1997
Mit seinem Soloprogramm "... und Sie lügen voll im Trend!" gastierte Kabarettist Röhrig im Ratssaal
Bad Langensalza. (tlz) "Man soll die Kanzler feiern, wie sie fallen", schlägt Bernhard Röhrig so ganz beiläufig vor. Und steuert schon wieder die nächste Pointe an, während das Publikum den Doppelsinn gerade so begriffen hat. Der Mann hat eben Ideen. jede Menge. Zum Beispiel die von dem Gewerbepark, aus dem ein Freizeitpark wird: Wer keine Arbeit hat, kann sich vergnügen, indem er durch die Scheibe denen zuschaut, die noch arbeiten dürfen. Am Samstag trat Röhrig im Bad Langensalzaer Ratssaal auf, wo er beinahe pausenlos |
seine
Provokationen abschoß. Darunter solche verblüffenden
Erkenntnisse wie die: "Lügen ist hochmoralisch,
denn es stärkt die Marktwirtschaft." Oder: "Es
stimmt nicht, daß Politiker keine guten Ideen
haben. Wahr ist, sie haben gar keine."
Röhrig beschreibt Wirklichkeit, indem er kräftige Schlaglichter auf sie wirft.' Zum Beispiel in dem Schnadahüpfel über die einzige noch immer geteilte Stadt in Deutschland -Frankfurt: "Am Mein, da sind die Banken zu Haus', und an der Oder reichen bald die Bänke |
nicht
aus..." Holla-di-he-ja, holla-di-weh. Und im
dozierenden Ton des Oberstudienrates: "Die Menschen
hier ernähren sich hauptsächlich von Ackerbau und
-Sozialhilfe." Schließlich im Volksliedton:
"Kein Pflegenotstand kann brennen so heiß als
unheimlich Kohle, die von Liebe nichts weiß." Natürlich weiß Röhrig um jene selbstsicheren herrenrassigen Zeitgenossen, die überhaupt nicht interessiert, was sie angerichtet haben. Auch für sie hat er ein passendes Verschen parat: "Die Nase hoch, die Reihen fest geschlossen!" Selbst wenn Röhrig ganz offenkundig blödelt, meint |
| er's
bitterernst. Daß er ein Meister des Wortspiels ist, das
hat er am Samstag mit seinem inzwischen vierten
Soloprogramm hinlänglich bewiesen. Aber er kann noch
mehr. Zum Beispiel Prominentenstimmen so parodieren, daß
es erst nach mehreren Sätzen auffällt. Und rappen -
ziemlich stilecht war sein HipHop über den vergeblichen
Versuch, Polizist zu werden.
Sein kurzweiliges Programm schloß Röhrig mit zwei Zugaben ab, die ganz dem schwarzen Humor verpflichtet waren. Zuerst das Telefongespräch mit dem |
Bundesamt
für Strahlenschutz: Wie entsorgt man einen Großvater,
der ein halbes Leben neben dem Greifswalder Kernkraftwerk
zugebracht hat? Und ganz zum Schluß Vico von Bülows
tiefschwarzes Adventsgedicht, das die meisten im Saal zum
erstenmal gehört haben dürften, obwohl es bereits vor
der Wende auf einer Litera-Schallplatte zu haben war. Hoffentlich kommt er bald wieder, der Röhrig, denn lernen kann man von ihm immer etwas. Den Verkehrsplanern gab er mit auf den Weg, die Thüringerwaldautobahn sein zu lassen: Eine sechsspurige kreuzungsfreie Bundesstraße tut's schließlich auch. |
![]() Nicht nur als Rapper erschütterte Bernd Röhrig die Zwerchfelle seiner Zuhörer und -schauer (Foto: Albrecht) |
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lügen voll im Trend!"