Freie Presse  02.02.2004

Alltäglichen Abgründen mit Lachen begegnet

Thüringer Kabarettist Bernhard Röhrig nimmt Publikum in Nicolaikirche auf Gratwanderung mit


Auerbach
.  Bernhard Röhrig, gestandener Kabarettist aus Erfurt, war am Freitagabend in der Nicolaikirche der Wanderführer eines Publikums, das mit ihm eine spöttisch-satirische Gratwanderung durch die alltäglichen Abgründe unternahm, ohne sich das Genick zu brechen. Denn schließlich hieß das Programm, durch das Röhrig führte, "Am Abgrund ist die Aussicht am schönsten."
Und die wollen er und sein Publikum schließlich noch einige Jahre genießen. Mit wachem Blick. Röhrig wünschte deshalb nach zwei Stunden auch keine gute Nacht, sondern empfahl: "Bleibt wach!" Mit praktischen Alltagstipps hatte der Kabarettist, der das Thüringer Satirefähnchen auch im befreundeten Ausland, besonders in Sachsen und Hessen schwenkt, nicht gegeizt, so dass es jedem möglich war, sich zumindest aus dem jeweiligen Wanderloch lauthals 

lachend zu befreien. "Bewegungslosigkeit ist reiner Selbstschutz", behauptete der Wanderführer, der sein abenteuerlustiges Völkchen rücksichtslos an gesellschaftlichen Höhepunkten, wie der guinness-verdächtigen Totalverstopfung des Erfurter Stadtringes und der Eröffnung der 5. Jahreszeit durch einen hessischen Euromanen teilhaben ließ. Aber: Nicht alles war ernst gemeint. Als personifizierter Showmaster moderierte Röhrig im 2. Teil seines Programms zwar voll in den Abgrund, aber hielt sich selbst am kabarettistischen Zopf sicher fest, so dass allenfalls sein goldig-schwarzer Humor und eine neue Reichsgründung zu beklagen waren. Die Rudi-Ratlos-Show, die er moderierte, untermalte er auf der Gitarre, kommentierte anschließend die Reichsgründung als Reporter im Außendienst und reimte letztendlich im  Eilzugtempo ein Gedicht unter dem Titel "Lob des Konsumismus". Das Publikum musste bei dem Eiltempo gewaltig aufpassen, nicht ins Bodenlose zu fallen, denn die Gratwanderung hatten alle schadlos überstanden. Beifall und eine Zugabe retteten Akteur und Publikum vor weiteren kabarettistischen Eskapaden. Röhrig trug noch einmal die Gitarre auf und sang "Die Dummheit geht spazieren, sie pfeift ein Freiheitslied. Didumdidum".
Seit 1981 steht der Erfurter, wie er selbst meint, auf den Kabbelbrettern, die die Welt bedeuteln. 1992 startete er seine Solokarriere. Für sein neuestes Soloprogramm in Auerbach nutzte er Texte Von Ulf Annel, Rolf Dreher, Verena Fränzel, Andreas Kausch und Magdalena Raabe. Die Noten holte er sich vom Komponisten Wolfgang Wollschläger und schaute auch in die von Herbert Roth. (chh)

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