Neben Linux und den herkömmlichen Systemen gibt es noch eine bunte Unix-Welt, die in Deutschland zu Unrecht (noch) ein Schattendasein fristet. Mit diesem Buch wollen wir Ihnen zeigen, daß es auch abseits der ausgetretenen Pfade Wege zu hervorragender Software gibt, die keinen Pfennig kostet, laufend gewartet wird und weltweit eine große Fangemeinde besitzt.
Wer kennt hier schon die Berkeley-Distributionen, die den anderen, bekannten Betriebssystemen technisch mindestens adäquat, wenn nicht sogar überlegen sind? Dabei haben FreeBSD, OpenBSD und NetBSD berühmte Ahnen und Verwandte, die jedem von Ihnen geläufig sind: BSD ist aus A&T Unix entstanden, DEC Ultrix und SunOS sind direkte Abkömmlinge. Der Internet Super Server 4.0, das Betriebssystem, das bei der Großzahl der Internet-Service-Provider (wie Compuserve oder UUNet) im Einsatz ist, ist mit ihnen mehr als nur eng verwandt.
Kein Wunder also, daß BSD dort eingesetzt wird, wo es auf Stabilität und Verläßlichkeit ankommt, nämlich als Server im Unternehmen und im Internet. Der Walnut-Creek-Server läuft schon seit Jahren unter FreeBSD, und wer sich schon länger und öfters auf »ftp.cdrom.com« umgesehen hat, hat miterlebt, wie mit der wachsenden Zahl der Internet-User der Server größer und größer wurde und das System immer das gleiche blieb (abgesehen von den Software-Updates).
Wenn Sie von Linux kommen, fallen Ihnen die Hauptunterschiede bald auf: das Dateisystem ist anders strukturiert, komplizierter beim Einrichten vielleicht, aber sehr leistungsfähig. Es wird weniger Wert auf Farbigkeit und Vordergründiges gelegt, mehr auf Stabilität und Leistung. Trotzdem ist nicht BSD der Linux-Clone, sondern Linux, basierend auf Andrew Tanenbaums »Minix«, ist der Spätnachkömmling. Wie offen die Berkeley-Gemeinde ist, sieht man jedoch daran, daß der Mount einer Linux-Partition bei OpenBSD im Kernel vorgesehen ist, bei FreeBSD nachgeladen werden kann. Linux- und SCO-Binärkompatibilität sind verfügbar und bei FreeBSD direkt über das Installationsprogramm einzuschalten.
Man hat früher BSD immer nachgesagt, es wäre konservativ. Aber selbst KDE-Implementationen gab es schon während der gesamten Beta-Phase. Wenn das nicht fortschrittlich ist!
Was BSD vielleicht verwirrrend macht, ist daß es nicht »ein BSD« gibt, sondern sogar - wenn man den kommerziellen Internet Super Server mitrechnet - gleich vier Stück. Aber Hand aufs Herz: wenn man die Installation eines Slackware-Linux mit der eines Debian (dem einzigen kompletten Linux nach GNU-Lizenz) oder der einer S.u.S.E.-Distribution, nicht zu vergessen mit der von Caldera OpenLinux vergleicht, hat man zwar nur einen Kernel, aber sechserlei Look&Feel. Denn es gibt ja auch noch DLD und Plug&Play-Linux... Und damit haben Sie einen weiteren Unterschied zu Linux (mit Ausnahme von Debian): Net-, Free- und OpenBSD sind wirklich frei. BSD unterscheidet sich in vielem weiteren von Linux.
Aber so wie sich Linux von BSD unterscheidet, unterscheiden sich auch die Philosophien der einzelnen BSD-Gruppen voneinander. Allen gemein ist nur das Ziel, ein möglichst gutes Betriebssystem jedermann frei zugänglich zu machen. Da gibt es sehr große Gemeinsamkeiten mit Debian GNU Linux.
Kommen Sie von Windows, tauchen Sie in eine vollkommen neue Welt ein, die es sich aber lohnt, zu erkunden. Wenn Sie sich erst einmal an die Kommandozeile gewöhnt haben oder diese mit der grafischen Oberfläche einfach ignorieren, werden Sie sehen, daß Ihnen die BSD-Systeme größtmögliche Sicherheit und Flexibilität in der Benutzerverwaltung und bei der Arbeit bieten. Und darauf kommt es doch an: nicht bunte Bildchen machen ein Betriebssystem aus, sondern die Qualität der Software (wobei gegen die bunten Bildchen prinzipiell nicht zu sagen ist, die können Sie mit dem KDE auch haben ;-).
Nach so viel Lob (warum sollten wir ein Buch zu einem Betriebssystem machen, an das wir nicht glauben?) erwarten Sie jetzt sicherlich eine Empfehlung, welches System für Sie am besten geeignet ist. Das ist eigentlich ganz einfach.
Stellen Sie sich einige Fragen:
Das einfachste Installationsprogramm, das
außerdem die beste Nachinstallation ermöglicht, das es nur auf
Intel-Plattformen gibt und das ohne Rekompilieren Schwierigkeiten
hat, auf Linux-Platten zuzugreifen, ist FreeBSD. Es ist außerdem
das System, das meiste Software bietet, Programme für
fernöstliche Sprachen und Rußland enthält (die haben wir aber
von unseren CDs entfernt) und unter dem der Walnut-Creek-Server
läuft.
FreeBSD ist sicherlich am weitesten ausgereift, aber auch am stärksten kommerzialisiert.
NetBSD können wir Ihnen in diesem Buch gar
nicht in seiner vollen Fülle zeigen. Es hat eine
gewöhnungsbedürftige Installation, bietet reichlich Software,
bietet keinen deutschen Tastaturtreiber auf der
Kommandozeile (außer man kompiliert ihn sich neu), aber es
versteht sich eigentlich als Multiplattform-Betriebssystem. Wenn
Sie sich für unter 20 Mark die Komplettversion der
NetBSD-Distribution zulegen, erhalten Sie Betriebssysteme für
Macintosh, Amiga, Sparc und ARC (kleine Auswahl :-). Installieren
Sie sich aber XFree86 3.3.2 von der CD, haben Sie eine deutsche
Tastatur und können auch das KDE 1.0 einrichten.
OpenBSD ist das kleinste der Systeme. Es gibt
keine KDE, nur wenig Software, genauso viele Plattformen wie bei
NetBSD, aber es ist das Größte, wenn es um den Datenaustausch
und die Sicherheit geht. Während NetBSD und FreeBSD aus den
Vereinigten Staaten stammen, aus denen der DES-Algorithmus nicht
exportiert werden darf, stammt OpenBSD aus Kanada. Wenn Sie
parallel auf einem System DOS-Partitionen mit langen Dateinamen,
Linux und/oder ein anderes BSD haben, sollten Sie unbedingt
OpenBSD einsetzen. So bequem war der Datenaustausch noch nie.
Was Sie installieren sollen, können wir Ihnen nicht sagen. Jedes der Systeme hat seine Schwächen, aber auch seine Stärken. Das für Sie passende müssen Sie sich nach diesen Kriterien selbst aussuchen.
Wir möchten Sie aber mit diesem Buch nicht nur bei der Entscheidung zum Umstieg auf eines der Systeme und bei der richtigen Auswahl unterstützen. Es soll Ihnen auch über die Hürden beim Einrichten und beim Umgang helfen. Es ist deshalb in groben Zügen folgendermaßen aufgebaut: Zuerst erläutert Ihnen Wolfgang Soltendick die Installation der Systeme NetBSD, OpenBSD und FreeBSD, denn die Aufteilung der Festplatten erfolgt nicht nur anders und intelligenter als bei anderen Betriebssystemen, sondern unterscheidet sich auch noch von System zu System. Der Einsteiger kann durchaus bereits an dieser Stelle scheitern (oder gibt nach ein paar Tagen und etlichen gelöschten Daten enerviert auf). Das wollen wir Ihnen ersparen. Lesen Sie die Seiten gut durch und vollziehen Sie einfach Schritt für Schritt das Geschriebene nach.
Wenn dann das Grundsystem steht, zeigen wir Ihnen erst einmal, wie Sie mit der Kommandozeile umgehen, erfahrene Unix-Anwender können dies getrost überblättern, dessen Autor, Norbert Braun, wird es Ihnen nachsehen. Daß man auch im Textmodus mit einfachen Editoren und mächtigen Werkzeugen professionellen Output produzieren können, sehen Sie in Martin »Joey« Schulzes Kapitel über LaTeX. Um komfortabel mit Unix arbeiten zu können, sollten Sie aber die grafische Benutzeroberfläche verwenden. Hierzu müssen Sie zuerst den X-Server aufsetzen und konfigurieren. Auch das finden Sie im entsprechenden Kapitel gut beschrieben. Dr. Bernhard Röhrig gibt Ihnen dazu viel Hintergrundwissen und Tips und Tricks. Wenn Sie es ganz modern und im Stil von Windows wollen, folgt der logische Schritt zum KDE-Kapitel von Matthias Hölzer. Anschließend erfahren Sie Wissenswertes über das Zusammenspiel von BSD und dem Netzwerk, wieder von Dr. Bernhard Röhrig. Auch das Internet kommt dabei nicht zu kurz. Abgeschlossen wird das Buch mit einer Einführung in die wichtige Interpretersprache Perl von Ulrich Cuber, die nicht nur im Unix-Bereich immer mehr an Bedeutung gewinnt. Anschließend sollten Sie Ihr BSD beherrschen, programmieren können und einen leistungsfähigen Server besitzen.
Ganz zum Schluß danke ich noch Jörg Braun, der in tage- und nächtelanger Arbeit die CDs zum Buch zusammengestellt, gebrannt, getestet, verworfen und neu gemastert hat. Sein erklärtes Ziel, auf jeder CD genau 650 Mbyte unterzubringen, hat er geschafft; dabei wurde jedes der Systeme mindestens zehn mal installiert, und es wurden Skripten geschrieben, um maximale Anwenderfreundlichkeit zu erreichen, ohne dabei die Philosophien der Betriebssystem-Gruppen (hoffentlich) überzustrapazieren.
Damit wünsche ich Ihnen viel Erfolg und Freude an Ihrem neuen System!
Programmplanung
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